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Kapitel 1
Der traurige Gesang der Sirenen
In Italien, am Golf von Neapel, ging die Sonne unter. Trotz der Winterzeit herrschte noch ein mildes Klima, da
das vorgelagerte Gebirge des Golfes die rauhen Winde abhielt. In der geschützten Bucht am Hafen von Capri, sagenumwobene Insel der geheimnisvollen Blauen Grotte und Stätte der Abenteuer
des Odysseus, zogen die Fischer ihre reichgefüllten Netze ein. Über der steilen, zerklüfteten Küste, am
Sirenenfelsen, segelte eine Möwe in gleichmäßigen, ruhigen Kreisen in den schimmernden Goldtönen der letzten Sonnenstrahlen. Die honigsüßen Stimmen der Meerjungfrauen sangen betörende und
traurige Lieder. Unter der leicht gekräuselten Meeresdecke, im Reich der blauen Tiefe, bereitete sich ein Delphin auf den Tod vor. Palinuro, der
älteste und klügste der Meeressäuger, war stets umringt von einer Schar herumtollender Delphinkinder, die neugierig seinen schönen und spannenden Geschichten lauschten.
Jetzt hatten die Delphine zu spielen aufgehört. Bullen, Kühe, Jungtiere und die kleinen Kälber bildeten einen schützenden Kreis
um ihren Anführer, der mit seiner Schwanzflosse, der Fluke, aufrecht im Wasser stand. Im Dämmerlicht der hereinbrechenden Nacht fiel es den anderen Delphinen zum erstenmal auf: Der Große
Tümmler, der die Delphinschule stets sicher durch alle Gefahren der Meere geführt hatte, sah alt und müde aus. Die vielen Kämpfe mit aggressiven Haien hatten seinen geschundenen Körper
gezeichnet. Seine graue, glatte Haut war von Narben bedeckt und noch grauer geworden, die einst leuchtenden, lebhaften und klugen Augen waren trübe und glanzlos.
"Liebe Familie", begann Palinuro seine Rede stockend und leise aufdelphinesisch. Es fiel ihm schwer, seinen Schnabel zu öffnen, und
seine alten Zähne waren bereits zu Stümpfen abgenutzt. " Einst, vor vielen, vielen Jahren, waren die Menschen und
Delphine Freunde. Die Delphine halfen den Menschen beim Fischfang. Sie trieben ihnen die Schwärme ins Netz. Die Kinder, die in den
Buchten badeten, spielten mit uns. Manchmal durfte sogar eins auf unserem Rücken reiten. Wenn die Menschen Schiffbruch erlitten oder von Haien angegriffen wurden, dann haben wir sie oft gerettet.
In Griechenland waren die Delphine heilig. Die Menschen verehrten uns als die guten Geister der Meere. Ein Mensch, der einen Delphin
tötete, mußte dafür sogar mit seinem eigenen Leben bezahlen." "Aber heute", sagte Palinuro traurig und schaute dabei mit
seinen zusammengekniffenen Augen hinauf zur Wasseroberfläche, " heute ist es da oben bei den Zweibeinern genau umgekehrt. Heute
wird den Fischern eine Belohnung gezahlt, wenn sie uns umbringen. Sie beschimpfen uns als >Gangster und Diebe Viele Sonnen und
Monde, unzählige Ebben und Fluten haben wir Delphine in Frieden und Harmonie mit den Menschen gelebt."
"Aber", fuhr der weise Delphin fort, und sein schönes Delphinlächeln wurde traurig, " heute ist der Mensch unser größter Feind geworden."
Nach dieser langen Rede war nicht nur Palinuro, sondern auch den anderen Delphinen die Puste ausgegangen. Schnell
tauchten sie an die Wasseroberfläche, um Luft zu tanken.
Dort hatten sich in der Zwischenzeit merkwürdige Dinge zugetragen. Die sonst stille blaue Meeresdecke war so aufgewühlt, als hätte siePoseidon mit seinem Dreizack umgegraben.
Silbrige Schaumkronen türmten sich haushoch, bevor sie sich zu einer Wogenwand formten. Tosend wie eine glitzernde Lawine rollten sie auf die Küste zu.
"Deshalb", fuhr der weise Palinuro mit ernster Stimme in seiner Rede fort, " habe ich euch heu te zusammengeru fen. Wir Delphine
sind in großer Gefahr! Und viele unserer großen Verwandten, der Wale, sind bedroht. Vor langer Zeit habe ich am heiligen Ort der Delphine, im Orakel von Delphi, das Gelübde abgelegt, euch vor allen Gefahren zu
beschützen. Dafür schenkte mir die Zauberin Pythia des Delphingotts Apollo so viele Lebensjahre wie ein Klumpen Sand Körner hat. Und jedes Körnchen dieses Sandklumpens schenkte mir
viele schöne Abenteuer im Reich der blauen Tiefe." Bei diesen Worten lächelte Palinuro glücklich. "Aber jetzt ist meine Zeit
abgelaufen, und bevor ich in Ruhe sterben kann, muß ich euch noch wichtige Dinge sagen. Mein Nachfolger wird bald kommen und meine Aufgabe hier fortführen."
Die anderen Delphine begannen jetzt in hohen Tönen zu pfeifen. Einige drängten sich näher an Palinuro, andere
umarmten sich oder berührten sich mit ihren Händen, den Flippern. Das durchsichtige, klare Meerwasser färbte sich trüb und milchig von ihren heftigen und
aufgeregten Schwimmbewegungen. " Nein, nein lieber Palinuro, du darfst nicht sterben " , rief einer von ihnen in ultrahoher
Frequenz. Der noch kleine, kindliche Delphin tauchte schnell zum Meeresboden hinab. Hastig schwamm er zurück und legte Palinuro weinend einen neuen Klumpen Sand in seine
Flossen. "Hier hast du ein neues Leben, du darfst uns nicht allein lassen, wir brauchen dich doch!" Der sterbende Palinuro umarmte zärtlich den kleinen
Delphinjungen und tröstete ihn: "Mein kleiner Benito, fürchte dich nicht! Hier im Meer muß jedes alte Tier einmal für ein
Neugeborenes Platz machen." Dann wandte sich Palinuro den anderen Delphinen zu. "Alles, was ihr tun müßt, ist, auf den Nachfolger zu warten. Er wird bald kommen."
"Aber wer wird er sein?" "Wie ist sein Name ?"
"Wie wird er aussehen ?" " Wie werden wir ihn erkennen?" riefen die ängstlichen Delphine
alle durcheinander. Ihre verschiedenen Pfeif-, Klick-, Knack- und Trommeltöne liefen als vibrierende Schallwellen durch das aufgewühlte Meer.
Das sind alles Fragen, die das Orakel von Deiphi nicht beantwortet hat, weil es nur mit ja oder nein antworten kann.
"Aber", versprach der sterbende Delphin, "der Nachfolger wird leicht zu erkennen sein, weil er das Zeichen trägt: Es ist ein
Regenbogen, das alte Symbol der Verbindung zwischen Göttern und Menschen. Dieses magische Zeichen wird den Delphin bei seinen langen und mutigen Kämpfen schützen. Vertraut ihm. . . "
Palinuros müde Augen schlossen sich langsam. Dann begann er in die Tiefe des Meeres hinabzusinken.
Die anderen trauernden Delphine fingen seinen toten Körper auf. Sie schwammen synchron nebeneinander, so daß sie eine Kette
bildeten. Dann legten sie den leblosen Tümmler auf ihre Rücken und brachten ihn an die Wasseroberfläche. So erwiesen sie dem Verstorbenen die letzte Ehre, sich symbolisch von den Sternen zu
verabschieden. Aber plötzlich fürchteten sie sich in ihrer vertrauten Umgebung. Der Sturm hatte jetzt seinen Höhepunkt erreicht. Die
tobenden, krachenden und wuchtigen Wogen peitschten in ihre fröstelnden und verängstigten Gesichter. Die Stimmen der Sirenen waren jetzt nur noch wie aus weiter Ferne zu hören. Sie waren
machtlos gegen die Kraft des Unwetters und das klagende Geheul des Windes, der in voller Kraft und Lautstärke blies.
Die kalte Nacht war jetzt pechschwarz und sternenlos. Die unheimliche Dunkelheit wurde nur von den grellen, zuckenden Blitzen
und dem dröhnenden Donner unterbrochen. Es dauerte nicht lange, bis der kraftlose Körper Palinuros den Delphinen entrissen und von den Wellen verschlungen wurde. |
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